Pastoral-Alarm

Liebe Römer, zieht euch warm an! Nehmt dazu meinetwegen eure lustigen, bunten Kleider mit den vielen Schnüren, aber macht es euch warm. Denn es könnte sein, dass vom Norden her demnächst ziemlich kalter Wind zu blasen beginnt. Epizentrum des frostigen Windes werden viele Menschen in all den Pfarren sein, die schon Jahre lang Verantwortung tragen für ihre Pfarren: Männer und Frauen gleichermaßen. Wenn ihr denen diese Verantwortung entzieht und darauf pocht, dass dies nur geweihte Priester tun können, müsst ihr Widerstand erwarten, mindestens. Möglicherweise passiert aber mehr: dass diese Frauen und Männer nämlich einfach aufhören, diesen Dienst zu tun. Woher dann die geweihten Priester kommen sollen, die dafür einspringen, weiß hierzulande niemand, und ihr da unten wohl auch nicht. Die Folge wären zahllose leitungslose Pfarren, ohne Gottesdienste, weil Euch wohl auch die Laien ein Dorn im Auge sind, die als Wortgottesleiter arbeiten und ebenso das Handtuch werfen werden wie die Leute, die in den Pfarrleitungsteams engagiert sind. Ohnedies ehrenamtlich in den meisten Fällen. Aber selbst das scheint Euch egal zu sein. Hauptsache, die Hierarchie bleibt in Ordnung. Und ich habe immer für wahr gehalten, dass alle getauften Christen dieser Welt vor dem Herrn gleich viel wert wären. Ihr da unten zeigt auf ziemlich groteske Weise, dass dies offenbar eine Irrmeinung war. 

Protest in Wort und Tat

Die jüngste „Bewegung“ in der katholischen Kirche, sprich das Amazonas-Schreiben von Papst Franziskus halte ich für eine Katastrophe. Die halbe katholische Welt wartet auf eine Lockerung der Zugangsbedingungen zum Priesteramt und was ist die Antwort: nichts. Nichts ist zu wenig. Allen postsynodalen Bemühungen zum Trotz rückt Papst Franziskus die katholische Kirche damit noch weiter in Richtung anachronistische Organisation, die weit fernab der aktuellen Zeit steht. Mir tut es Leid um die vielen engagierten Menschen in allen möglichen kirchlichen Bereichen, deren Image durch dieses Schreiben nachhaltig beschädigt wurde. Dies lamentierend oder schulterzuckend hinzunehmen halte ich für die falsche Antwort. Meine Reaktion ist Protest in Wort und Tat. Ich schimpfe und betätige mich für die katholische Kirche ab sofort nicht mehr ehrenamtlich.  

Feig gewordene Diözese

Erfrischend und ungewöhnlich war die Idee, dem Papst in Rom Postkarten zu schicken, auf dem Katholiken die Weihe von Frauen und verheirateten Männern verlangen. Ob es was genutzt hätte, ist die eine Frage, ob das die Lösung der derzeitigen Kirchenprobleme ist, die andere. Aber ein erfrischendes Zeichen von Lebendigkeit hätte es sein können. Wenn nicht die Diözesanleitung die Sache kalt gestoppt hätte. Aus Klugheit natürlich, um den ohnedies laufenden Prozess nicht zu gefährden. Mag sein, dass dies klug ist. Feig war es aber allemal und ein fatales Zeichen obendrein, Marke: liebes Kirchenvolk, zahl brav deinen Kirchenbeitrag, aber misch dich nicht in Sachen ein, die du nicht verstehst. 

Nicht die Frauenfrage, die Gottesfrage entleert die Kirchen

10.000 Oberösterreicher sind im alten Jahr aus der katholischen Kirche ausgetreten. Und die Erklärungen der katholischen Funktionäre dafür stimmen alle. Irgendwie. Es waren Leute, die schon lang keine Beziehung mehr zur Kirche hatten. Es ist das fehlende Personal und da vor allem der Umstand, dass die Pfarrer nicht heiraten dürfen oder verheiratete Männer und Frauen nicht geweiht werden dürfen. Hätte man mehr Personal, könnte man den Menschen näher sein. Wenn die es haben möchten, wende ich vorsichtig ein.

Irgendwie ist es wie mit einer Automarke, die nicht mehr gekauft wird, weil der Wagen stottert und veraltet ausschaut. Wenn der Chef jetzt erklärt, künftig flottere Verkäuferinnen einzustellen, wird das wenig nützen. Das Auto bleibt, wie es ist. Oder auch, wenn stolz darauf verwiesen wird, dass das Auto, sprich die Kirche auf allen modernen Events präsent ist, wird es wenig bringen, wenn es nicht ordentlich fährt. Auch nicht, wenn jeder Haushalt zweimal jährlich einen Werbefolder geschenkt bekommt. 

Das scheint mir der Punkt zu sein, den anzuschauen oder anzusprechen Kirchenleute offensichtlich lieber meiden wie der Teufel das Weihwasser: es ist nicht so sehr die Organisation der Kirche, die Leute austreten lässt, sondern es ist der Inhalt, es ist die Frage nach Gott, die an Spannung verloren hat. Oder, um es noch drastischer auszudrücken: jene Figur, die auch die katholische Kirche vermitteln will und immer noch ein wenig exklusiv für sich in Anspruch nimmt, interessiert zunehmend weniger Menschen. Gott, speziell der in Jesus Christus verkörperte Gott ist uninteressant geworden. Der weitgehend verlorene Glaube an ihn ist die Ursache, warum sich christliche Kirchen so schwertun. Eine Lösung dieses Rätsels kann ich nicht anbieten, weil auch mir keine einfällt. Nach vielen Gesprächen vor allem auch mit jungen (bereits kirchenfernen) Menschen meine ich aber, den Finger darauf legen zu müssen, was ich da zu hören bekommen habe: Kein Verständnis für innerkirchliche Strukturdebatten, auch keines natürlich für Missbräuche, aber auch kein Verständnis für das liturgische Gehabe mancher Geistlicher bei feierlichen Anlässen. Die Irritation geht bedeutend tiefer: Es ist der fehlende Christus- oder Gottesglaube, der Menschen vermehrt aus den Kirchen auswandern lässt. Wenn das stimmt, muss sich die Kirche wahrlich mehr überlegen, als weibliche Priester einzuführen. Und es wird deutlich, wie existentiell die Kirchen vor allem in Europa bedroht sind. Vielleicht muss man daran gehen, die eigentliche Botschaft von Grund auf schlüssiger und glaubwürdiger darzustellen. So wie Kinder im Schulalter aufhören, an das Christkind zu glauben, scheinen Menschen des 21. Jahrhunderts aufgehört zu haben, das ganze Weihnachtsgeschehen für bare Münze zu nehmen. Etwa, ob dieses Kind von Bethlehem also wirklich Gottes Sohn war. Oder, weil Ostern vor der Tür steht, ob dieser Gekreuzigte denn wirklich am Kreuz gestorben ist und woher er, außer in alten Büchern, eigentlich die Legitimation hatte, sich als Gottes Sohn zu verkaufen? Heiße Fragen über Fragen, die gestellt werden, die aber vor allem beantwortet werden müssten. Dass das Ergebnis letztendlich die Gründung einer neuen oder anderen Kirche sein kann, ist nicht auszuschließen. Angesichts der bedrohlichen Austrittswelle aus der derzeitigen katholischen Kirche in Europa bleibt ihr aber möglicherweise ohnedies keine andere Alternative.

Stopp den religiösen Phantastereien

Heutzutage allen Ernstes zu behaupten, irgendjemand würde nach seinem Tod mit Leib und Seele in den Himmel kommen, halte ich für eine Attacke gegen die intellektuelle Redlichkeit. Nichts gegen ein Weiterleben nach dem Tod. Auch die christliche Religion hängt an dieser Idee, wie auch immer man sich das vorzustellen habe. Eine Geborgenheit in einem universellen und für alle Menschen offenen Wesen, das wir Gott nennen, kann befreiend und tröstlich sein. Aber eine körperliche Aufnahme in das, was wir Himmel nennen und ein möglicherweise auch physisches Weiterleben dort: davor möge uns der liebende Gott bewahren. Eine Chuzpe bedeutet für mich die Verknüpfung derartiger Phantasien mit dem Fest Mariä Himmelfahrt: weil Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden sei (was niemand weiß, sondern nur immer wieder erzählt wird), hätte auch das gläubige Fußvolk diese Chance. Ich kann doch nicht allen Ernstes etwas, das ich überhaupt nicht weiß, als Hoffnung für Generationen von Menschen darstellen…

Abschied vom Wunder

Diese Predigt hatte es in sich. Papst Franziskus als alleroberster Kirchenmann sagte am Fronleichnam das, was sich hirnbegabte Bibelleser sowieso schon immer gedacht haben: Jesus hat überhaupt keine Brote vermehrt. Was da in der Bibel steht, sei bildlich und symbolhaft zu verstehen. Ihm sei es um eine Metapher für das Teilen gegangen und er habe dafür das Bild der wunderbaren Brotvermehrung gewählt. Wie es so kommt, ist bloß das Bild des Wunders bei den Menschen hängen geblieben, die Sache mit dem Teilen: naja… Und jetzt rückt ein Papst die Sache wieder zurecht. Dafür gebührt ihm Applaus. Hoffentlich rückt er nach und nach auch andere unglaubliche Dinge zurecht, die nur zu gern für wahr gehalten werden: die Sache mit der Jungfrauengeburt etwa oder die Himmelfahrt oder die Pfingstgeschichte mit den plötzlich vielsprachigen Aposteln und und und…

Schluss mit der Heuchelei

Die (halbe) Karfreitags-Lösung mag wie ein Scetch aus einem Kabarett klingen, ich finde sie gar nicht so daneben. Erstens behandelt sie alle gleich, völlig unabhängig von ihrem Glauben. Zweitens behindert sie niemanden an der Ausübung seiner Religion. Ab 14 Uhr ist Zeit genug dafür. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass evangelische Arbeitskollegen am Karfreitag selbstverständlich frei hatten. Ob sie ihn zum Kirchgang genutzt haben, weiß ich nicht, ich bezweifle das aber sehr, weil sie sich auch das ganze Jahr über nicht den Anschein irgendeiner religiösen Zugehörigkeit anmerken ließen. Der Karfreitag wäre dann einfach „ihr“ freier Tag gewesen. Jetzt ist er für alle frei, zumindest halbfrei und niemand braucht mehr irgendwelche besondere Religiosität vorzuheucheln, deretwegen er nicht zur Arbeit kommen kann.

Geheuchelter Karfreitag

Es geht um den freien Tag und um sonst gar nichts. Warum dieser Tag frei oder nicht frei sein soll, spielt meiner Beobachtung zufolge überhaupt keine Rolle. Wie überhaupt kirchliche Feiertage großteils nur dafür verwendet werden, um Freizeit zu genießen. Der Blick auf leeren Kirchenbänke beweist es, zB. am Oster- oder Pfingstmontag, aber auch zu Fronleichnam und anderen Feiertagen, wie eben auch am Karfreitag. Alles recht und schön, wir brauchen auch Zeit zum Verschnaufen, nur sollte man in der Debatte um einen Feiertag nicht plötzlich Heiligkeit heucheln, wenn sie einem ansonsten eigentlich völlig egal ist.

Teure Kirche

60.000 Austritte aus der katholischen Kirche im vergangenen Jahr, fast 10.000 in Oberösterreich. Und viele Analysen, warum das so ist, stimmen: der verloren gegangene Kontakt, irgendwelche kleine oder größere Ärgernisse, Skandale usw. Um EIN Argument machen die Pastoraltheologen aber gerne einen Bogen: das Geld. Eine Organisation, in der der Mitgliedsbetrag ohnedies schon hoch ist, die aber für fast jede Zusatzleistung Geld verlangt, ist nicht attraktiv. Alles kostet: die bloße Erwähnung einer verstorbenen Person beim Gottesdienst, die Kirchenzeitung, die Mitgliedschaft bei den katholischen Verbänden und vieles mehr. Wenn dann einzelne liturgische Veranstaltungen schludrig ausgeführt werden, sinkt das Bedürfnis, sie ein weiteres Mal zu besuchen. Schnell stellt sich dann gerade bei jungen Verdienern, die das erste Mal den Kirchenbeitrag zahlen sollen, die Frage: wozu eigentlich?

Volksblatt: Bert Brandstetter: Diakonatsweihe auch für Frauen

https://volksblatt.at/diakon-weihe-auch-fuer-frauen/

VolksblattMit KA-Präsident BERT BRANDSTETTER sprach Herbert Schicho

Nach sieben Jahren legt, wie vom VOLKSBLATT bereits berichtet, Bert Brandstetter Ende November sein Amt als Präsident der Katholischen Aktion der Diözese Linz zurück.

VOLKSBLATT: Was ist Ihr Resümee?

BRANDSTETTER: Obwohl ich die Kirche vorher gekannt habe und es mir kein neues Terrain war, war ich doch überrascht, wie langsam alles geht und vieles sogar gar nicht geht. Es ist in meiner Amtszeit eigentlich mehr nicht gegangen als gegangen und das hat mich manchmal schon betrübt. Andererseits habe ich Menschen erlebt, die so behutsam und gründlich gesellschaftliche Entwicklungen mitdenken und abwägen — das hat mir eigentlich recht gut gefallen.

Was war das Highlight?

Ein Highlight in dem Sinne hat es eigentlich gar nicht gegeben. Wir haben viel angestoßen und die Katholische Aktion am Leben erhalten, was gar nicht so selbstverständlich ist. Es geht der Wind ja nicht unbedingt in Richtung Katholischer Aktion, unsere Konkurrenz ist vor Jahrzehnten durch die Pfarrgemeinderäte geschaffen worden. Und: Ich bin kein Feind der Pfarrgemeinderäte und es ist vernünftig, dass wir sie haben – aber dadurch ist die KA ein bisschen obsolet geworden.

Und was würden Sie anders machen?

Manchmal habe ich mir schon gedacht angesichts der Vielzahl der Sitzungen, ob der Output dem entspricht. Ich komme aus der Medienbranche, die sehr schnell reagiert, in einer Organisation wie der Kirche gibt es Gremien und es dauert alles — das war manchmal schon zermürbend. Aber das ist alles kein Grund, dass ich aufhöre: Das sind ganz persönliche Gründe. Ich bin vor einem halben Jahr am linken Fuß operiert worden. Plattfuß. Und das war eine unglaublich langwierige Genese. Jetzt kommt der rechte Fuß dran. Dann kann ich auch nicht mehr Autofahren und ein Chauffeur ist nicht drinnen. Und außerdem ist meine Frau als Lehrerin in Pension gegangen. Ich bin jetzt 68 und wenn mein Fuß wieder gut ist, möchten wir uns ein bisschen die Welt anschauen und ganz normal Pensionist sein. Die KA ist so zeitfressend, dass vieles nicht möglich ist: Es ist ein ehrenamtlicher Fulltimejob.

Es heißt, es rumort in der Diözese, was sind die Probleme?

Das sind eh bekannte Dinge, etwa die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt oder der Umgang mit Geschiedenen. Es ist gut, dass der Bischof das nun angestoßen hat und nach Rom weitergegeben hat. Bevor er das getan hat, hat es schon ordentlich rumort und ich weiß von vielen Leuten, die gesagt haben: Jetzt tut doch endlich etwas. Zumindest hat der Bischof jetzt einmal einen Brief geschrieben, wir sind ja eh schon mit wenig zufrieden.

Hat Sie der Brief des Bischofs überrascht?

Schon, weil ich den Bischof als eher vorsichtig einschätze. Aber allein ein Brief aus der Diözese Linz wird den Vatikan nicht zum Umdenken bewegen — also den Papst vielleicht schon, aber der hat einen Panzerapparat um sich herum, der dies möglicherweise verunmöglicht. Da bin ich ein bisschen ein Pessimist.

Sie erwarten sich also nichts aus Rom?

Am Papst läge es vielleicht nicht, aber der Panzerapparat lähmt sehr viel, was der Kirche in Europa, unserer Kirche gut täte. Ich bin mir bewusst, dass man über den Tellerrand schauen muss und global andere Probleme existieren. Aber dass man Frauen nicht zulässt ist kein europäisches, sondern ein gesamtmenschliches Problem. Warum sollen Frauen nicht das Amt ausüben, das versteht kein Mensch.

Und was könnte und sollte man in Linz quasi autonom machen?

Der Papst hat gesagt, seid mutig, tut etwas. Der Kardinal hat gesagt, er ist für Diakoninnen. Ich frage mich, warum traut sich Bischof Scheuer nicht und weiht die erste Frau zum Diakon. Wir haben in meiner Pfarre Neumarkt zu Pfingsten einen Diakon bekommen, seine Frau hat 1 zu 1 dieselbe Ausbildung und ist bei der Amtseinführung mit einem Schal abgespeist worden. Das verstehen wir Stammtisch-Katholiken überhaupt nicht.

Ende November wird Ihr Nachfolger bzw. Ihre Nachfolgerin gewählt. Worauf muss sich diese Person einstellen?

Auf ganz viel Zeitaufwand, viele Sitzungen und Tretmühlen. Es ist ein anstrengendes Amt, aber auch schön, weil man die ganze Diözese und viele wertschätzende und gute Menschen kennenlernt.