Nicht die Frauenfrage, die Gottesfrage entleert die Kirchen

10.000 Oberösterreicher sind im alten Jahr aus der katholischen Kirche ausgetreten. Und die Erklärungen der katholischen Funktionäre dafür stimmen alle. Irgendwie. Es waren Leute, die schon lang keine Beziehung mehr zur Kirche hatten. Es ist das fehlende Personal und da vor allem der Umstand, dass die Pfarrer nicht heiraten dürfen oder verheiratete Männer und Frauen nicht geweiht werden dürfen. Hätte man mehr Personal, könnte man den Menschen näher sein. Wenn die es haben möchten, wende ich vorsichtig ein.

Irgendwie ist es wie mit einer Automarke, die nicht mehr gekauft wird, weil der Wagen stottert und veraltet ausschaut. Wenn der Chef jetzt erklärt, künftig flottere Verkäuferinnen einzustellen, wird das wenig nützen. Das Auto bleibt, wie es ist. Oder auch, wenn stolz darauf verwiesen wird, dass das Auto, sprich die Kirche auf allen modernen Events präsent ist, wird es wenig bringen, wenn es nicht ordentlich fährt. Auch nicht, wenn jeder Haushalt zweimal jährlich einen Werbefolder geschenkt bekommt. 

Das scheint mir der Punkt zu sein, den anzuschauen oder anzusprechen Kirchenleute offensichtlich lieber meiden wie der Teufel das Weihwasser: es ist nicht so sehr die Organisation der Kirche, die Leute austreten lässt, sondern es ist der Inhalt, es ist die Frage nach Gott, die an Spannung verloren hat. Oder, um es noch drastischer auszudrücken: jene Figur, die auch die katholische Kirche vermitteln will und immer noch ein wenig exklusiv für sich in Anspruch nimmt, interessiert zunehmend weniger Menschen. Gott, speziell der in Jesus Christus verkörperte Gott ist uninteressant geworden. Der weitgehend verlorene Glaube an ihn ist die Ursache, warum sich christliche Kirchen so schwertun. Eine Lösung dieses Rätsels kann ich nicht anbieten, weil auch mir keine einfällt. Nach vielen Gesprächen vor allem auch mit jungen (bereits kirchenfernen) Menschen meine ich aber, den Finger darauf legen zu müssen, was ich da zu hören bekommen habe: Kein Verständnis für innerkirchliche Strukturdebatten, auch keines natürlich für Missbräuche, aber auch kein Verständnis für das liturgische Gehabe mancher Geistlicher bei feierlichen Anlässen. Die Irritation geht bedeutend tiefer: Es ist der fehlende Christus- oder Gottesglaube, der Menschen vermehrt aus den Kirchen auswandern lässt. Wenn das stimmt, muss sich die Kirche wahrlich mehr überlegen, als weibliche Priester einzuführen. Und es wird deutlich, wie existentiell die Kirchen vor allem in Europa bedroht sind. Vielleicht muss man daran gehen, die eigentliche Botschaft von Grund auf schlüssiger und glaubwürdiger darzustellen. So wie Kinder im Schulalter aufhören, an das Christkind zu glauben, scheinen Menschen des 21. Jahrhunderts aufgehört zu haben, das ganze Weihnachtsgeschehen für bare Münze zu nehmen. Etwa, ob dieses Kind von Bethlehem also wirklich Gottes Sohn war. Oder, weil Ostern vor der Tür steht, ob dieser Gekreuzigte denn wirklich am Kreuz gestorben ist und woher er, außer in alten Büchern, eigentlich die Legitimation hatte, sich als Gottes Sohn zu verkaufen? Heiße Fragen über Fragen, die gestellt werden, die aber vor allem beantwortet werden müssten. Dass das Ergebnis letztendlich die Gründung einer neuen oder anderen Kirche sein kann, ist nicht auszuschließen. Angesichts der bedrohlichen Austrittswelle aus der derzeitigen katholischen Kirche in Europa bleibt ihr aber möglicherweise ohnedies keine andere Alternative.

2 Kommentare zu „Nicht die Frauenfrage, die Gottesfrage entleert die Kirchen

  1. Der Artikel ist sehr glaubwürdig und seriös, ziemlich vorsichtig und nicht aggressiv. vielleicht kommen bei mehreren menschen auch eigene lebenserfahrungen dazu, wodurch die kirchlich/religiösen „gschichtln“ einfach nicht mehr greifen. ich selbst weigere mich, an den sogenannten (nur) guten gott zu glauben. dazu mutet er uns menschen oft viel zu viel zu. die kirche ist jedenfalls in diesem theoretischen, geistigen „erklären“ nicht glubwürdig. ich weigere mich natürlich auch and die „heilige katholische und apostolische kirche“ zu glauben. es fällt schon schwer genug, an gott zu glauben.

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  2. Na Gott sei Dank, ist ja doch der Zeitgeist schuld, und nicht die Fehler (in) der Kirche. Wir brauchen also keine Erneuerung, kein zusätzliches Personal, schon gar keine Frauen im liturgischen Dienst…
    Die Kirche benimmt sich wie ein Kaufmann, der ständig und lautstark die Frische seiner Ware preist, und dir bei jeder Gelegenheit Faules oder Schimmliges unterjubelt, und wenn du dich darüber beschwerst, dich als Lügner hinstellt. Geglaubt wird dann immer dem Kaufmann, und nicht dem Betrogenen.

    Das Problem ist sehr wohl die Struktur, und hier vor allem die Machtbefugnisse der Geweihten. Sie können sich – auch abseits der Missbrauchsskandale – wirklich alles erlauben, weil es so wenige gibt. Sie dürfen Ehrenamtliche vergraulen, Günstlingswirtschaft betreiben, ganze Pfarrhöfe belagern und Menschen hinausekeln, Geld verschleudern… es passiert ihnen nichts.

    Es gibt genügend Menschen, die an Gott glauben, die dazu die Kirche nicht (mehr) brauchen – weder das Gebäude, noch die Gemeinschaft.
    Jene, die den Glauben in der Gemeinschaft suchen oder finden, benötigen Menschen und Infrastruktur. Menschen, die ihnen die Geschichte des Gekreuzigten und seine befreiende Botschaft in der Form nahe bringen, dass sie mit ihrem Leben zu tun hat.
    Es braucht Räume, diese Gemeinschaft zu pflegen, vor allem außerhalb der liturgischen Zeremonien. Vor allem für Kinder und Jugendliche.
    Viele Menschen, die diese Berufung hätten, haben der Kirche den Rücken gekehrt, weil sie deren Unglaubwürdigkeit nicht aushalten und in letzter Konsequenz IMMER von einem geweihten Priester abhängig sind. Und von letzteren gibt es nicht nur zu wenige, sondern auch eine stattliche Anzahl an merkwürdigen bis problematischen Persönlichkeiten.
    Ich habe in der Kirche viele beeindruckende Menschen kennen gelernt – darunter waren kaum Geweihte.
    Ich bin trotzdem noch Teil dieser Kirche und bringe mich (jetzt wieder) in ihr ein, weil es meine Heimat ist und ich dort von Freunden und Gleichgesinnten umgeben bin.
    Aber ich verstehe jede/n, der seinen/ihren Glauben hier nicht ausleben kann oder will.

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